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Buenos Aires

Kalt! Unser erster Eindruck von Buenos Aires war nicht nur den rund 15°C tieferen Temperaturen geschuldet, welche uns zum Hervorkramen der wärmeren Kleidungsstücke veranlasst haben, sondern auch dem eher kühleren Auftreten der Leute, mit denen wir am Flughafen in Kontakt kamen. In Brasilien erfreuten wir uns nebst aller Naturschönheiten auch an der unglaublich warmherzigen Art der Bevölkerung, bei der selbst der Obdachlose zu einem kleinen Schwatz aufgelegt war und von seinen Reisen früherer Tage berichtete, bevor er nach ein bisschen Münz zu fragen wagte, welches er natürlich nur für alkoholische Getränke ausgeben würde und nicht etwa für Essen, wie er uns versprach. In Buenos Aires, sowohl am Flughafen wie auch im Zentrum, erlebten wir einen Grossteil der Leute eher als kühl und distanziert, die lebensfrohen und gesprächigen Taxichauffeure mal ausgenommen. So passten das Wetter, die Leute und selbst das Wahrzeichen – ein grauer, langweiliger Obelisk, der unseren ersten Eindruck nochmals abrundete – perfekt zusammen. Nein, mit dieser Stadt wollten wir nicht auf Anhieb warm werden!

Dass es in Buenos Aires allerdings auch heiss zu und her gehen kann, erlebten wir nur ein paar Stunden später. In Iguazu hatten wir uns dafür entschieden, nur eine Nacht zu bleiben, damit wir bereits am Sonntag in Buenos Aires ankommen und am Abend das Spiel zwischen dem Racing Club und den Boca Juniors besuchen können. So bezogen wir bei Ankunft nur kurz unsere Unterkunft, bevor wir uns in Richtung Avellaneda aufmachten, einem Industrievorort rund fünf Kilometer südlich des Zentrums von Buenos Aires. Die Gegend erweckt nicht geraden den sicherste Eindruck und lädt nicht wirklich zu längeren Spaziergängen ein. Da uns im Vorfeld niemand sagen konnte, ob es für das Spiel überhaupt noch Karten gibt, war das Suchen ebensolcher unsere erste Mission, die sich zuerst etwas schwierig gestalten sollte. Am Nachmittag gab es zwar schon eine beträchtliche Anzahl  von Personen in blau weiss gestreiften Shirts, von Ticketverkäufern war jedoch noch nichts zu sehen. Beim Erkundschaften des Stadiongeländes und der näheren Umgebung wurden wir dann von den Insassen eines vorbeifahrenden Autos entdeckt, welche sich zu unserem Glück nicht für einen Raubüberfall entschieden haben, sondern fragten, ob wir auf der Suche nach Tickets seien. Die Jungs gehörten zum erweiterten Staff (oder so) eines Verpflegungsstandes in der Nähe des Stadions. An diesem Stand wurden wir mit etwas Bier aus der grossen Gemeinschaftsflasche und Süssgebäcken versorgt, während sie uns versprachen, Tickets für uns zu organisieren. Dieses Unterfangen würde jedoch noch etwas Zeit in Anspruch nehmen, welche wir ihnen natürlich gerne gewährten. Nach einer weiteren Entdeckungsreise kamen wir schliesslich zurück zum vereinbarten Treffpunkt, wo die Tickets bereits auf uns warteten und uns zum offiziellen Verkaufspreis überlassen wurden. Nichts wie ins Stadion also! Das Estadio Presidente Peron ist eine gewaltige Erscheinung und passt mit seiner leicht abgefuckten Art perfekt in die Umgebung. Das Stadion liegt übrigens nur einen Steinwurf entfernt von der Spielstätte des Lokalrivalen Independiente und kann wirklich als ein “Rund” bezeichnet werden. Im Stadion finden derzeit rund 51’000 Besucher Platz, in den Siebzigerjahren sollen hier allerdings auch mal 115’000 Leute Racing zum Sieg geschrien haben. Kurz nachdem wir unsere Plätze bezogen haben, verwandelte sich der Himmel über dem Stadion in ein Farbspektakel, welches uns an glorreiche Allmend-Tage erinnerte. Als sich das Stadion immer mehr mit Zuschauern füllte, wunderten wir uns, weshalb der mit Trommeln und Fahnen bewaffnete Teil der Zuschauer direkt nach Betreten des Stadions dieses wieder durch einen anderen Ausgang zu verlassen schien. Rund 45 Minuten vor Anpfiff des Spiels tauchten die vermissten Supporter dann jedoch wieder auf und zelebrierten beim erneuten Einmarschieren eine Show mit Fahnen, Trommeln und Gesängen, in welche das gesamte Stadion miteinstimmte – Gänsehautstimmung! Auch während des Spiels war die Stimmung einzigartig – etwas vergleichbares haben wir bei all unseren Stadionbesuchen noch nie erlebt. Immer wieder stimmte das ganze Stadion in die Gesänge ein und trieb Racing so zum Derbysieg. Wer jedoch erwartet, dass sich auf dem Spielfeld 22 Messis miteinander messen, der täuscht sich gewaltig. Statt Ball- gab es Fehlerstafetten und statt des Absatztricks bediente man sich eher dem guten alten Slide Tackling. Doch angesichts der unglaublichen Stimmung hat man eh kaum Zeit, sich auf das Spiel zu konzentrieren und so verbuchten wir den Besuch dieses Derbies als absoluten Vollerfolg, für den alleine sich der Abstecher nach Buenos Aires bereits gelohnt hat.

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In den Folgetagen verliessen wir das Zentrum Buenos Aires und gingen auf Tuchfühlung mit anderen Teilen der Stadt. Ob la Boca – Heimat der Boca Juniors und Geburtsort des Tangos –  Palermo oder Recoleta, ausserhalb der Stadtmitte gefiel es uns deutlich besser als im Zentrum. Ein Highlight erlebten wir in Palermo, als wir uns spontan für einen Besuch beim “the argentine experience” entschieden haben. 20151020_192917Bei diesem Abendessen wird einem einiges über die Stadt, deren Traditionen und über Essen und Wein erzählt und man kreiert gar seine eigenen Empanadas, aus welchen eine völlig untaugliche Jury – anders können wir uns den ausbleibenden Sieg nicht erklären – einen Gewinner erkürt. Gekrönt wir das ganze mit dem besten Stück Fleisch, welches wir seit Beginn unserer Reise serviert bekommen haben. Der Abend verging wie im Flug und nebst lustigen Gesprächen mit Teilnehmern aus aller Welt konnten wir auch einiges über die Kunst des Faustballs erfahren – nochmals herzlichen Glückwunsch, Widnau!

Da uns der Besuch des Racing-Spiels derart begeistert hat, entschieden wir uns, am Mittwoch noch ein zweites Fussballspiel zu besuchen. River Plate – nebest den Boca Juniors die zweite ganz grosse Nummer im Argentinischen Fussball – spielte im Viertelfinale der Copa Sudamericana gegen Chapecoense aus Brasilien. Da wir auch für dieses Spiel im Vorfeld keine Karten kaufen konnten und die lokalen Wurstverkäufer keine Tickets im Angebot hatten, musste uns der Chef des Sicherheitsdienstes, der durchaus als grosser Brunder von Dwayne Johnson durchgehen könnte, weiterhelfen. Dieser zeigte sich bei der Preisgestaltung etwas kreativer als die Freunde von Racing, so dürften seine nächsten paar Anabolika-Spritzen wohl finanziert sein. Das Unterfangen Stadionbesuch stellte sich jedoch als schwieriger heraus, als wir es erwartet hätten. Nachdem wir die ca. fünf Sicherheitskontrollen bereits überwunden hatten und vor den Eingängen des Stadions standen, stellte sich heraus, dass sich unsere Plätze an einem total anderen Ort befanden. Kurz mal eben ums Stadion zu laufen war leider nicht möglich, weshalb wir nochmals die halbe Stadt durchquerten um dann endlich Einlass zu finden. Das Estadio Monumental Antonio Vespucio Liberti ist nochmals eine Spur grösser als das Estadio Presidente Peron und hat ein Fassungsvermögen von 61’321. Auch in diesem Stadion herrschte über neunzig Minuten hinweg eine eindrückliche Stimmung, die in unseren Augen (oder Ohren) jedoch nicht ganz mit derjenigen von Racing mithalten konnte. Das Spiel endete 3:1 und River Plate hat somit weiterhin gute Chance, nach dem Gewinn der Copa Libertadores auch noch den Copa Sudamericana nach Buenos Aires zu holen.

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Für uns geht die Reise heute Abend per Nachtbus weiter nach Mendoza, in die Heimat der Argentinischen Weinkunst.

 

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