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Potosi, Sucre & La Paz

Zugegeben, unsere Vorbereitung auf eine neue Stadt war auch schon aufwändiger als vor der Reise nach Potosi, so waren wir dann doch etwas überrascht, dass uns beim Erklimmen der steilen Strassen der Stadt etwas die Luft wegblieb. Verantwortlich dafür war nicht etwa eine wunderschöne Stadt – denn das ist Potosi auf keinen Fall. Ein kurzer Blick auf Wikipedia hat das Rätsel unserer Atembeschwerden gelöst; Potosi liegt auf rund 4’000 Meter über Meer und gehört somit zu den höchstgelegenen Grossstädten der Erde. Die Stadt war früher aufgrund der Silbervorkommnisse für ihren Reichtum bekannt, wovon heute bis auf ein paar eindrückliche Bauten jedoch nicht mehr viel übrig geblieben ist. Bolivien gilt generell als eines der ärmsten Länder Südamerikas und unterscheidet sich deutlich von unseren bisherigen Stationen auf diesem Kontinent. Potosi vermittelt den Eindruck, als sei die Zeit hier seit Längerem stehen geblieben, die Leute tragen noch sehr traditionelle Kleider und kaufen ihre Produkte an den Markständen, welche sich über einen grossen Teil der Stadt hinwegziehen. Die fehlenden finanziellen Mittel hindern die Einwohner der Stadt allerdings nicht im Geringsten daran, regelmässig zu feiern.
In der kurzen Zeit, welche wir in Potosi verbrachten, fanden gleich zwei grosse Feste statt. Am ersten Tag kamen wir uns vor wie am Luzerner Fasnachtsumzug, wenngleich auch die Kostüme etwas schlichter ausgefallen sind. Mit Instrumenten zogen verschiedene Gruppen durch die Strassen Potosis und feierten den Geburtstag der Stadt. Es schien, als ob jede Schulklasse und jeder einzelne Verein der Stadt, ja sogar Polizei und Feuerwehr an diesem Umzug teilnahmen, welcher sich vom Morgen bis zur späten Abendstunde hinzog. 20151109_190112Am Strassenrand kam es dabei teilweise zu tumultartigen Szenen, was jedoch gewisse Frauen nicht davon abhielt, mit ihren Babys mitten im Getümmel zu stehen. Wir waren jedenfalls froh, dass wir rund einen Kopf grösser waren als der Durchschnittsbürger Potosis und so immer den Überblick über das Geschehen hatten. Am nächsten Tag wiederholte sich das Spektakel im etwas kleineren Rahmen und man konnte sich einigermassen normal durch die Stadt bewegen.

Nach drei Tagen in Potosi zog es uns weiter nach Sucre, der offiziellen Hauptstadt Boliviens, welche übrigens nicht etwa nach dem süssen Zucker, sondern nach dem Freiheitskämpfer Antonio José de Sucre benannt ist. 20151112_131608Erstere Variante würde sich allerdings aus mindestens zwei Gründen ebenfalls aufdrängen, präsentiert sich die Stadt doch zu einem Grossteil ganz in weiss und finden sich an jeder Ecke zahlreiche Süssigkeiten wie Torten und grossartige Schokolade, welche sich in keinster Weise vor der Schweizer Konkurrenz zu verstecken braucht. Wir gingen die Zeit in Sucre sehr gemütlich an verbrachten die Zeit in erster Linie mit dem Genuss von Kaffe, Fruchtsäften und Schokolade sowie dem Erkunden der schönen Stadt.

Weit anstrengender und abenteuerlicher war unsere Zeit in La Paz. Es gibt sicherlich zahlreiche Gründe, die Stadt, welche die Regierung Boliviens beherbergt, nicht zu mögen. So herrscht in La Paz permanentes Verkehrschaos, was sich entsprechend auf die Luft in der Stadt auswirkt. In die Höhe fahren um frische Luft zu tanken, dafür ist die auf rund 3’600 Meter über Meer gelegene Stadt definitiv nicht geeignet und auch in Sachen Abfallentsorgung gibt es hier noch Nachholbedarf. Doch abgesehen von diesen kleinen Schönheitsfehlern ist La Paz auch einfach sehr spektakulär. Das Zentrum, welches zahlreiche Märkte, Restaurants und die Kirche San Francisco beheimatet, liegt in einer Talsohle und wird flankiert von steilen Felswänden, an welchen sich tausende Häuser befinden und einen unglaublichen Anblick bieten, was an eine überproportionale Favela aus Rio de Janeiro erinnert. Insbesondere bei Einbruch der Dunkelheit, wenn die Lichter angehen und die Hügellandschaft in eine spektakuläre, ganzjähige Weihnachtsbeleuchtung verwandelt, wird man von diesem unglaublichen Anblick in seinen Bann gezogen.

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Wir verbrachten insgesamt über eine Woche in La Paz und nutzten diese Zeit unter Anderem dazu, unserem Spanisch bei 15 Privatlektionen noch den letzten Feinschliff zu verpassen. Trotz des Drückens der Schulbank bzw. des Plastikstuhls im Gärtchen des Hostels, blieb uns noch genügend Zeit, die Stadt zu erkunden und unsere Adrenalinproduktion etwas anzukubeln. Den besten Blick über die Stadt erhält man durch die Benutzung der Gondelbahnen La Paz’, welche auf bisher drei Linien verschiedene Stadtteile miteinander verbinden und teilweise eine spektakuläre Aussicht auf die Stadt bieten. Weitere sechs Linien sind geplant und sollen das Verkehrschaos in La Paz etwas entlasten. Die entsprechenden Informationen zu den verschiedenen Vierteln, Märkten und Sehenswürdigkeiten der Stadt holten wir uns bei der Teilnahme an der Red Cap Free City Walking Tour.

Es mag sein, dass man bei längeren Reisen etwas an Verstand einbüsst, was immerhin den doch eher speziellen Kleiderstil gewisser Rucksacktouristen begründen würde. Es könnte allerdings auch erklären, wie man auf die Idee kommt, sich mit dem Gesicht nach unten gerichtet aus dem 17ten Stock eines Hochhauses abseilen zu lassen. Urban Rush nennt sich dieser Spass und verspricht den ultimativen Adrenalinkick, was – soviel sei vorweggenommen – nicht zuviel versprochen ist. In einem ersten Schritt kann man vom schlechten Kleiderstil Gebrauch machen und sich eines der diversen Superhelden-Kostüme (von Superman bis Speck und Hot Dog ist alles vorhanden) stürzen. 12244342_915526515162933_2312526722402888102_oAnschliessend wird man mit Trockenübungen auf das Abseilen vorbereitet, bevor man sich dann an das geöffnete Fenster stellt und sein Leben ein paar schlecht bezahlten Studenten und zwei Sicherungsseilen anvertraut. Zu spät um einen Rückzieher zu machen! Man bringt sich also in horizontale Lage und macht die ersten paar Schritte, welche später durch kleinere oder grössere Sprünge abgelöst werden. Wenn man dann etwa die Mitte des Gebäudes erreicht hat und sich langsam etwas sicher bei der Sache fühlt, kommt das erschreckende Kommando von unten: Seil loslassen! Alles Kopfschütteln an dieser Stelle nützt nichts, man macht wie einem gesagt wird und hängt einfach hilflos im Seil, etwa 20 Meter über dem Boden. Jedoch nicht für lange, denn plötzlich wird auch oben das Seil losgelassen und man befindet sich im freien Fall und weiss nicht, ob man diesen Moment hassen oder lieben soll! Nur kurze Zeit später – und glücklicherweise doch noch etwas abgebremst – erreicht man dann den sicheren Boden. Geschafft!

Als ob wir das Schicksal mit dieser Abseilaktion nicht schon zur Genüge herausgefordert hätten, entschieden wir uns auch noch dafür, die sagenumwobene Death Road mit dem Bike zu bewältigen. Die Yungas-Strasse gilt aufgrund der schmalen Spur, des schlechten Belags, den engen Kurven und vorallem wegen der steilen Abhänge entlang der Route als die gefährlichste Strasse der Welt und kostete schon zahlreiche Menschenleben. Nichts wie da runter also!  

Nach einer ca. einstündigen Busfahrt auf 4’700 Meter über Meer und dem Einnehmen der vielleicht letzten Mahlzeit unseres Lebens bezogen wir unsere Bikes und die Schutzkleidung, welche eher für Motocrossfahrer denn für Biker konzipiert ist. Wir erhielten die ersten Instruktionen von unseren Guides und baten die Göttin Pachamama um ihren Schutz, indem wir sie mit 96 prozentigem Schnaps gnädig stimmten. Da Pachamama wohl nicht gerne alleine trinkt, blieb auch uns ein Schluck dieses Zaubertranks nicht erspart. Mit Pachamama auf unserer Seite konnte nichts mehr schief gehen und wir bestiegen unsere Bikes für den ersten Teil der Strecke, welcher noch nicht zur Death Road gehört. Auf einer asphaltierten Strasse, inmitten eindrücklicher Bergspitzen, ging es im schnellstmöglichen Tempo rund 10 Kilometer bergab. Sicher unten angekommen wurden die Bikes wieder verladen und man machte sich im Bus auf zum Start der Death Road. Als die Klänge von “Highway to hell” aus den Boxen dröhnten, wussten wir, dass wir bei unserem Startplatz angekommen sind. Passenderweise hat sich der blaue Himmel zwischenzeitlich in eine düstere Ansammlung von Wolken verwandelt und bot so die ideale Atmosphäre für die Fahrt auf der Todesstrasse. Wir erhielten neue Instruktionen und nahmen zur Kenntnis, dass man beim Runterfahren stets die linke Seite zu nutzen hat, welche direkt am Abgrund liegt, beruhigend! Zuerst im eher gemässigten Tempo absolvierten wir die ersten von total rund 55 Kilometer und gewöhnten uns an die neue Unterlage aus Kies und Steinen. P1230383Entlang von teilweise mehreren hundert Meter hohen Abhängen steigerten wir stetig das Tempo und versuchten uns auf dem Bike und vorallem auf der Strasse zu halten. Dass man sich immer sicherer auf dem Gefährt fühlte, hatte nicht nur positive Auswirkungen. Ein etwas zu motivierter Teilnehmer unserer Zehnergruppe hätte seinen aggressiven Fahrstil beinahe mit dem Leben bezahlt. Als er eine etwas langsamere Teilnehmerin überholen wollte, übersah er eine steile Kurve und konnte nicht mehr bremsen und stürzte über den Rand der Strasse. Pachamama sei Dank ging es an dieser Stelle erst nach rund zwei Metern in die Tiefe, so dass er noch rechtzeitig zum Stillstand kam. An einer anderen Stelle hätte dieses Manöver wohl einen weit dramatischeren Ausgang genommen und die Death Road wäre um ein Holzkreuz reicher gewesen. Diese Aktion führte uns die Gefahr der Strecke nochmals näher vor Augen und mahnte uns zur Vorsicht. Wir liessen uns den Spass an der Abfahrt jedoch nicht nehmen und genossen den tollen Ride und die teils spektakuläre Aussicht in vollen Zügen. Nach einer Fahrtzeit von fast vier Stunden und überwundenen 3’500 Höhenmetern kamen wir schliesslich lebend am Ende der Strecke an. Auf Anraten unseres Guides wurde diese Tatsache mit Bier begossen, bevor wir die rund dreistündige Rückfahrt nach La Paz in Angriff nahmen – glücklicherweise im Bus.

Den Schlusspunkt in La Paz setzten wir mit dem Besuch des “Superclasico”, dem Spiel zwischen den beiden Stadtrivalen “The Strongest” und “Bolivar”. Unsere Versuche, bereits in den Tagen vor dem Spiel an Tickets zu kommen, trugen leider keine Früchte. Glücklicherweise stellte sich dieses Unterfangen am Spieltag als relativ einfach heraus, weshalb wir sogar noch genügend Zeit fanden, uns ein paar Bierchen als Matchvorbereitung zu gönnen. Die Stimmung vor dem Stadion entsprach grundsätzlich nicht dem, was wir bei einem Südamerikanischen Derby erwartet hätten. Sämtliche Stände mit Fanartikeln führten Artikel beider Teams, gemeinsam eintreffende Gruppen von Fans waren schwarz-gelb und hellblau gemischt und auch die Polizei machte nicht den Eindruck, als ob hier mit kriegsähnlichen Zuständen zu rechnen wäre.

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Austragungsort des Debys war das Estadio Hernando Siles, ein schmuckes Stadion, welches 42’000 Fans Platz bietet und Heimstätte beider Teams ist. Diese Tatsache ist wohl auch der Grund, weshalb man bei diesem Spiel nicht ausmachen konnte, welches Team bei diesem Spiel Heimvorteil geniesst. Beide Kurven waren gut gefüllt, die etwas bessere Stimmung kam aus der Kurve der Tiger, wie die Fans von “the Strongest” ihr Team nennen. Die Stimmung war über das ganze Spiel hinweg sehr ausgelassen und friedlich, von einer eingeschlagenen Scheibe im VIP-Bereich mal abgesehen. Das Niveau des Spiels war – vielleicht der dünnen Luft in La Paz geschuldet, vermutlich jedoch eher den bescheidenen technischen und taktischen Fähigkeiten beider Teams – eher tief und bot immer wieder Grund zum Lachen oder zum Kopfschütteln. Nichtsdestotrotz war das Derby bis zur letzten Minute spannend und wurde erst kurz vor Schluss durch einen Penaltytreffer zum 2:3 für Bolivar entschieden, dies nach zwei fair aufgeteilten Platzverweisen und einem verschossenen Penalty der Tiger.

Nachdem wir enttäuschenderweise keinen neuen Superstar für den FCL finden konnten, brechen wir morgen auf zum Titicacasee.

 

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