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San Pedro de Atacama

Von Salta führte unser Weg mittels Nachtbus nach San Pedro de Atacama, doch zuvor galt es für uns noch eine vermeintlich einfach Aufgabe zu lösen. Das auf dem Handy gebuchte Ticket für den Bus sollte noch irgendwie auf Papier gebracht werden, da die digitale Version am Busbahnhof nicht umgewandelt werden konnte. Unsere zahlreichen Versuche bei Hotels und sonstigen Einrichtungen, welche über einen Drucker verfügen sollten, schlugen allesamt fehl. Nach einem längeren Abendspaziergang mit sämtlichen Habseligkeiten auf dem Rücken fanden wir dann doch noch einen Ort, der sich etwas angeberisch Internet Café nannte und über ein paar Uralt-PCs und eine eher gemütliche Verbindung zum Internet verfügte. Nachdem die Tickets gedruckt waren, konnten wir den Bus besteigen, welcher um ein Uhr früh Richtung Chile losfuhr. Die sicherlich spannende Aussicht, welche man beim Weg über die Anden hätte geniessen können, verschliefen wir leider. Wach zu sein galt es dann auf dem Jama-Pass, wo sich auf 4’250 m.ü.M der Grenzübertritt zwischen Argentinien und Chile befindet. Bei etwas dünner Luft vollzogen wir allerdings auch diesen Akt problemlos und trafen zu frühen Morgenstunden im dritten Land unserer Rundreise ein, welches uns gleich zu Beginn spektakuläre Landschaften präsentierte.

Die Kommune San Pedro de Atacama hat lediglich rund 6’000 Einwohner, verteilt auf mehrere kleine Oasen-Dörfer, in welchen teilweise so wenig Leute leben, dass es vereinzelt weder Strom noch fliessend Wasser oder Telefonanschlüsse gibt. Eigentlich nicht weiter verwunderlich, denn San Pedro liegt Mitten im Nirgendwo; wie schön dieses Nirgendwo allerdings ist, wollten wir in den nächsten Tagen erforschen. 20151030_173059Wir bezogen unser Bett für die erste Nacht im eigentlichen Hauptort San Pedros, einem hübschen kleinen Nest aus lauter Lehmhütten, welche in erster Linie Hostels, Agenturen von Tourismus-Touren oder Restaurants beheimaten.
Die überaus hohe Rasta-Quote – welche sich wohl vor Jamaica nicht verstecken müsste – lässt darauf schliessen, dass sich hier auch der ein oder andere Langzeitreisende etwas länger niedergelassen hat. Obwohl es sich wohl um den touristischsten Ort handelt, den wir je besucht haben, hat die Oase durchaus ihren Reiz und weiss zu gefallen, die wahren Highlights liegen allerdings ausserhalb des Zentrums.

Die zahlreichen Touristenbüros bieten duzende Touren in der näheren und weiteren Umgebung San Pedros an, wir entschieden uns allerdings – nach einem Tipp, den wir im Hostel in Mendoza erhalten haben – die Atacama Wüste mit einem Camper zu erkundschaften. Für die nächsten vier Tage buchten wir also einen buntbemalten Chrysler Bus, welcher mit den wichtigsten Utensilien ausgerüstet war, um in der Wüste zu überleben. 20151031_091313Unser erstes Ziel mit unserem rollenden Zuhause war der Salar de Aguas Calientes südlich von San Pedro. Kaum hatten wir etwas Tempo aufgenommen, wurden wir auch schon von der örtlichen Polizei aufgehalten und nach unserem Ziel gefragt. Da die Gesetzeshüter schon in den AGBs unseres Vermieters als “Badass” bezeichnet werden, gingen wir davon aus, dass es sich um eine normale Kontrolle handelte, bei welcher sie uns vielleicht den ein oder anderen Peso abknöpfen können. Ein wenig überrascht waren wir dann allerdings doch, als wir als Antwort auf unser Reisepläne ein bestimmtes “no” erhielten. Unsere doch etwas hilflosen Gesichtsausdrücke veranlassten den Polizisten – welcher übrigens gar kein “Badass” war – dann allerdings dazu, uns zu erklären, dass ein Vulkan gerade etwas aktiv und die Strasse deshalb gesperrt sei – kann ja Mal passieren. Für uns hiess es also, kehrt zu machen und ein neues Ziel zu definieren, welches wir nach einer Stunde Fahrt auf holprigen Strassen erreichten. Im Südwesten San Pedros erwarteten uns zwei türkisblaue Salzteiche, von welchen der Eine zum Floaten einlud. Ohne auch nur eine andere Menschenseele in der Nähe stürzten wir uns in unsere Badesachen, unterliessen es, uns mit Sonnencreme einzustreichen und stiegen ins Wasser, welches uns sogleich wie von Zauberhand an der Oberfläche gleiten liess. DSCN2910Wir genossen die lockere Art des Schwimmens und die Ruhe, welche dieser Ort mit sich brach. Nach einer erfrischenden Dusche ging es weiter in den Norden San Pedros, wo uns einige steinige Landschaften und mit Rio Grande eines dieser abgelegen 100 Seelen Dörfer erwarteten. Begleitet von einem schönen Sonnenuntergang und der Faszination für dieses Dorf fernab der Zivilisation machten wir uns auf den Weg zu unserem Schlafplatz für die nächste Nacht. 20151031_224944Mit Einbruch der Dunkelheit wurden die Strassenverhältnisse immer schlechter und brachten die Stossdämpfer unseres Busses an den Rand eines Burnouts, während der Anstieg auf rund 4’280 m.ü.M. auch den Motor an seine Leistungsgrenze trieb.

Das Ziel unserer Fahrt war der Vulkan El Tatio, welcher für seine Geysire bekannt ist, die frühmorgens am aktivsten sind. Um dieses Spektakel von Beginn weg zu verfolgen, wurde uns die Übernachtung vor Ort empfohlen, was mit Aussentemperaturen von -20°C verbunden war. Für einmal klapperten unsere Zähne nicht aufgrund der Schlaglöcher auf den Strassen sondern weil wir uns sprichwörtlich den Arsch abfrohren. Zu allem Übel konnte uns die Geysierlandschaft am nächsten Morgen nicht einmal sonderlich begeistern, hatten wir in Island doch weit spektakulärere Bilder gesehen. Wir entschieden uns deshalb, schon früh wieder loszulegen und einen Geheimtipp unseres Busverleihers aufzusuchen. Dieser etwas abgelegene Ort sollte einen weiteren Geysir sowie eine warme Quelle beheimaten, bei welcher wir uns etwas aufwärmen könnten. Auf Anhieb entdeckten wir die Steinansammlung, welche die richtige Abzweigung anzeigen sollte und folgten dieser sandigen Strasse die nächsten paar hundert Meter bis zu einer weiteren Verzweigung, bei welcher wir uns versehentlich für die falsche Seite entschieden haben. Die Strasse wurde immer sandiger und wir mussten bald feststellen, dass wir wohl den falschen Weg gewählt haben. Bei der nächsten Möglichkeit entschieden wir uns zu wenden, als unser Bus wie auch unsere Herzen mehr oder weniger zeitgleich stehen blieben, die Herzen glücklicherweise nur für den Bruchteil einer Sekunde, der Bus für eine etwas längere Zeit. All unsere noch so kreativen Versuche, den Bus wieder in Bewegung zu setzen, schlugen fehl und wir mussten uns eingestehen, dass wir defintiv auf fremde Hilfe angewiesen sind. Der steile Fussmarsch auf über 4’000 Meter stellte sich als anstrengend heraus, doch blieb er die einzige Möglichkeit, binnen nützlicher Zeit wieder mobil zu werden. Zudem konnte man die Zeit nutzen, sich darüber Gedanken zu machen, wie man mit einem spanischen Wortschatz, welcher in erster Linie aus Wörtern der lokalen Speise- und Getränkekarten entstammt, die Notsituation kundtun soll. Vamos a la playa? Schon nach wenigen Minuten konnte man die Hauptstrasse sehen, ein erster kleiner Lichtblick. Als das erste Auto, welches aussah, als ob es über einen Allradantrieb verfügen konnte, ins Blickfeld geriet, erinnerte man sich an die Ausbildung bei der besten Armee der Welt und setzte auf die während der 18 knallharten RS-Wochen allmorgendlich einstudierten Hampelmänner. Das erste Auto konnte sich dieser Vorstellung absoluter Körperkontrolle noch entziehen, doch schon beim zweiten Fahrzeug zeigte der Hilferuf Wirkung. Das mit zwei Männern besetzte Auto bog auf die Strasse des Verderbens ein und eilte zu Hilfe. Das Auto verfügte zwar über Allradantrieb, leider fehlte jedoch ein Abschleppseil, welches uns aus dem Sand ziehen könnte. So machten wir uns erneut auf den Weg, diesmal jedoch im Auto. Keine fünf Minuten später konnten wir ein weiteres Auto für unsere Hilfsmission gewinnen, welches sogar über die entsprechenden Abschlepputensilien verfügte. 20151101_084232Die schweizerisch, amerikanisch, argentinisch, spanische Rettungstruppe machte sich also an die Arbeit, wobei der helvetische Beitrag in erster Linie daraus bestand, Stossgebete in den Himmel zu schiessen, welche sogleich Wirkung zeigten. Der Bus regte sich und konnte sich plötzlich wieder selbständig bewegen, welch wunderschönes Gefühl. Nach ausführlichen Danksagungen und einer liebevollen Verabschiedung trennten sich die Wege der multinationalen Bewegung wieder. Wir entschieden uns dagegen, noch weiter nach dem versteckten Geysir zu suchen, kalt war uns schon längst nicht mehr.

Auf dem Weg zurück nach San Pedro offenbarte sich, wie wunderschön die am Vortag durch Dunkelheit verborgene Strecke zum Vulkan bei Tageslicht ist. Wir genossen die Fahrt – und die Tatsache, dass wir wieder fahren konnten – und fragten uns, wie sich die zahlreichen Lamas in der teil sehr kargen Landschaft wohl ernähren und – fast noch wichtiger – ob wir uns wohl von solchen Lamas ernähren könnten. Zumindest die zweite Frage konnten wir nach ein paar Kilometer beantworten, wurden doch herrlich schmeckende Lamaspiesse verkauft! Wieder in San Pedro angekommen füllten wir den Tank unseres Busses und stillten unseren Hunger, wobei wir gleichzeitig die Niederlage des FCL als Diashow mitverfolgten. Eine Niederlage, die einem Erdbeben gleichkommen zu schien, zumindest in San Pedro begann die Erde jedenfalls plötzlich zu zittern. Als dann auch noch das Gebäude auseinanderzubrechen drohte, bekamen wir es sogar etwas mit der Angst zu tun. Glücklicherweise stellte sich das Beben wieder ein und wir konnten beruhigt weiter an unserem Fruchtsaft schlürfen. Nachdem sowohl das Erdbeben wie auch das Mittagessen verdaut waren, unternahmen wir einen nächsten Versuch, zum Salar de Aguas Calientes aufzubrechen. Die Stelle, an der uns die Polizei am ersten Tag noch aufgehalten hat, konnten wir diesmal passieren, rund eine Stunde später war dann allerdings erneut Schluss, jedoch wurde uns von den Polizisten mitgeteilt, dass es am nächsten Morgen möglich sein sollte, unser Ziel zu erreichen. Wir beschlossen also, unseren Bus nachttauglich zu machen, Abendessen zu kochen und dann am nächsten Morgen weiterzufahren, auch wenn der Schlafplatz in Mitten eines weiteren Minidorfes nicht gerade sehr attraktiv war. Die Attraktivität des Schlafplatzes wurde nicht gerade gesteigert, als sich ein paar betrunkene Halloween-Überbleibsel in unsere Nähe gesellten. Wir packten unsere Sachen und wollten einen neuen Schlafplatz suchen, als wir feststellten, dass die Strasse zum Salar de Aguas Calientes nicht mehr gesperrt war. Go for it! Belohnt wurde diese Fahrt mit einem Schlafplatz an eben diesem Salar de Aguas Calientes, einem Ort wie aus einem kitschigen Gemälde!

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Auch ohne Temperaturen von -20°C gestaltete sich die nächste Nacht sehr kühl, der schöne Ausblick beim Erwachen entschädigte jedoch hierfür. Nachdem wir die Matratzen und Decken wieder verräumt hatten, ging es weiter von Naturschönheit zu Naturschönheit. Bei den benachbarten Lagunen Miniques und Miscanti präsentierten sich Vulkane und kleine Seen, bei der Lagune Tebiniquiche wechselten sich Blau- und Türkistöne ab und in der vielseitigen Landschaft der Lagune Chaxa konnte man die ortsansässigen Flamingos beobachten. Zum Abschluss besuchten wir noch das Valle de Jere, wo sich die Atacama-Wüste wieder von ihrer trockenen Seite präsentierte. Doch schaut euch am besten einfach die Fotos an (welche noch in einer eigenen Galerie folgen, sobald wir mal wieder eine etwas bessere Internetverbindung haben sollten).

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An unserem letzten Tag im Camper suchten wir nach einer weiteren Salar de Aguas Calientes, welche wir jedoch nicht finden konnten. Die Suche gestaltet sich auch etwas schwieriger, da uns ein kräftiger Windstoss die Strassenkarte entriss.  Aufgrund der schönen Strecke, welche wir bei dieser Suche zurücklegten, hielt sich die Enttäuschung allerdings in Grenzen und wir konnten uns voller Zufriedenheit von unserem liebgewonnenen Bus verabschieden. Eine tolle Erfahrung in einer grossartigen Region!

Der letzte Tag in San Pedro galt es ohne Camper zu absolvieren. Da der Versuch, uns mit einem Bus auf Sand zu bewegen nicht von all zu grossem Erfolg gekrönt war, galt es ein besseres Gefährt zu finden. 20151104_105936Diese Suche wurde beim Sandboarden erfolgreich beendet. Mit Snowboards gleiteten wir mehr oder weniger elegant die Sanddünen runter, welche wir zuvor mühsam zu Fuss bestiegen haben. Ein spassiger Ausflug und ein würdiger Abschluss einer grossartigen Zeit in San Pedro de Atacama. Morgen brechen wir bereits wieder auf Richtung Bolivien!  

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